Aktuell

Gegenwärtig konzentriert die «Stiftung Kulturimpuls» ihre Förderung auf zwei Forschungs- und Aktionsprojekte:

  • Aspekte zum Bewusstseins- und Mentalitätswandel im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert, ihre lebensweltlichen Bedingungen und Konsequenzen (Berlin)
  • Elements of Public Digital Literacy (Basel)

  • Gespräche und Texte (ab Januar 2023 «Präsenz und Digitalmoderne». 10 Online-Gespräche, 9. Januar – 13. März 2023, montags, 18.30-19.45 Uhr. Informationen demnächst hier)

Aspekte des Bewusstseins- und Mentalitätswandels im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert, ihre lebensweltlichen Bedingungen und Konsequenzen


«Zwischen der Erfahrung, in diesem Moment auf diesem Planeten zu leben, und den öffentlichen Erzählungen, die diesem Leben Sinn geben sollen, klafft ein leerer Raum. Der Abstand zwischen den gesprochenen Worten und dem, was sie bedeuten, ist riesig. In ihm wurzelt die Verzweiflung, nicht in den Verhältnissen.»

John Berger, Gegen die Abwertung der Welt, 2001

Das tägliche Leben von heute – wie anders sieht es aus als noch vor ein, zwei oder fünf Jahrzehnten!? Wenige Gegenden in der Welt nur wird es geben, wo das nicht der Fall ist; wenige Menschen nur, für die es nicht gilt.

Der Zu- oder Eingriff durch den Menschen verwandelte schon immer die Welt. Seit einigen Jahrzehnten aber wird eine neue Dimension sichtbar. Die durch Menschen seit 1945 schlagartig mögliche Zerstörung des Planeten Erde (Atombombe) oder das Wissen um seine schleichende, sich unter Beibehaltung der gegenwärtigen zivilisatorischen Lebensformen beschleunigende Destruktion (Klimawandel) machen sichtbar, dass der Mensch heute über eine Macht verfügt, die ihm vor Mitte des 20. Jahrhunderts nicht zukam. Diese Macht hat ihren Ursprung – das ist die Annahme dieses Forschungsvorhabens – im menschlichen Bewusstsein.

Die heutige Welt ist menschengemacht und die Macht des Menschen ist sein Bewusstsein.

Ursprung, Funktionsweise und Bildung des Bewusstseins aber bleiben – trotz aller sich darauf richtenden Forschung, beeindruckender Entdeckungen und Entwicklungen – bis heute noch immer zu unbewusst, um gesellschaftlich relevante Konsequenzen aus dem entsprechenden Wissen zu ziehen (Nicolas Hulot, 2018).

Ein „unbewusster Bewusstseinswandel“, ein seit zehn oder zwanzig Jahren einsetzender Mentalitätswandel scheint jetzt aber nachhaltiger als je vorher andere Lebensformen zu suchen; Lebens- und Bewusstseinsformen, die nicht feindlich aber verbindlich der Welt und den sie bewohnenden Wesen gegenüber treten, durch neue technische, ökonomische und soziale Prozesse, durch andere oder neue menschlich, philosophisch oder spirituell motivierte Haltungen.

Es geht darum, einige „Aspekte“ (Beispiele) zu identifizieren und zu untersuchen, an denen der Bewusstseins- und Mentalitätswandel sichtbar wird, der im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert – so die Ausgangsthese – unsichtbar und unbewusst vorgeht.

Bewusstsein und Bewusstseinswandel finden zunächst immer in einzelnen Menschen statt; sie entstehen aus Resonanzen und rufen sie hervor (Hartmut Rosa, 2016/2018). So entscheiden über Zustandekommen, Zielsetzung und Durchführung der Forschungs- und Aktionsprojekte

  • die konkrete Beziehung zu bestimmten Fragen, Menschen oder Einrichtungen;
  • die weitere Verständigung über mögliche Kooperationsformen;
  • die jeweilige intuitive, wissenschaftliche oder künstlerische, institutionelle und finanzielle Eigenständigkeit und Verbindlichkeit der Beteiligten.

Allen Beteiligten gemeinsam ist ein aufmerksames Interesse für die rätselhaften Phänomene Bewusstsein, Entwicklung und Transformation – und eine reflektierte Erfahrung im Umgang mit ihnen angesichts ihrer wachsenden Bedeutung für „Wahrheit und Politik“ (Hannah Arendt, 1964).

Erst die praktische Durchführung der Untersuchungen und Aktionen zu den einzelnen Aspekten und ihre kontinuierliche Verknüpfung in Gesprächen, Kolloquien oder Publikationen werden Verbindungen und Zusammenhänge sichtbar machen, die unvorhersehbare, aber zu erwartende Erkenntnisfortschritte ermöglichen – mithin Beiträge zur Erweiterung individueller und gesellschaftlicher Handlungskompetenz in einer Zeit des Umbruchs.

Das Vorhaben versteht sich in diesem Sinne als performativ, es praktiziert in der Realisierung seines Anliegens selbst Aspekte des befragten Bewusstseins- und Mentalitätswandels und reflektiert sie.

Aktuell sind 13 „Aspekte“ (Projekte) in der Konzeptions-, Planungs- oder Durchführungsphase.

Projektleitung: Bodo von Plato, Berlin

Elements of Public Digital Literacy


Digitale Technologien sind zur ubiquitären und immanenten Voraussetzung vieler Gesellschaften geworden und beginnen gegenwärtig, sich der Sichtbarkeit zu entziehen („post-digitale Kondition“). In Anlehnung an Public Health, Public History, Public Religion und anderen Public-Diskursen soll in diesem Projekt untersucht werden, wie ein gesellschaftliches Bewusstsein von diesen Veränderungen beschaffen ist und wie darin Handlungsfähigkeit entstehen kann: damit eine Public Digital Literacy möglich wird, müssen die gesellschaftlichen und individuellen Bedingungen zur Übernahme von Verantwortung für digitale Technologien genauer verstanden werden.

Dabei soll an den Diskurs um Bedingungen und Elemente von Digital Literacy angeschlossen werden und diese kompetenzorientierte Perspektive um soziologische und pädagogische Ansätze von Agency erweitert werden. Agency meint dabei eine Wirksamkeit, die sich in komplexen, wechselseitigen Verbindungen in kontingenten, netzwerkartigen Umgebungen einstellen kann. Eine auszuarbeitende Theorie einer digitalen Agency soll dabei ermöglichen zu verstehen, wie eine Umformung der Affordanzen digitaler Technologien und Infrastrukturen – die offensichtlichen, von der Technologie nahegelegten Weisen des Umgangs mit ihr und die Wirksamkeit ihrer Dispositive – zu individuell und gesellschaftlich gewollten und intendierten Formen von Agency möglich ist. Die zentrale Frage und Aufgabe des Projekts „Elements of Public Digital Literacy“ ist somit, wie digitale Agency in post-digitalen Gesellschaften zustande kommt und wie sie für die Öffentlichkeit erschlossen werden kann.

Das Konzept soll in drei Feldern ausgearbeitet werden:

1. Theorie
Die Theorie und Praxis der Förderung eines öffentlichen Bewusstseins von den anthropologischen, gesellschaftlichen, politischen, ästhetischen usw. Konsequenzen des Digitalen Wandels sowie entsprechende Bedingungen der Beurteilung und aktiven Mitgestaltung des Digitalen Wandels sind in diesem Bereich der zentrale Gegenstand. Im Mittelpunkt steht das Verstehen und Gestalten eines gesellschaftlichen Diskurses, in dem Demokratie, Chancengerechtigkeit, Nachhaltigkeit, kulturelle Vielfalt und die Stimme des jeweils Andersdenkenden als Ausgangspunkt und Ziel einer Gesellschaft im Digitalen Wandel neu verortet werden.

Dabei geht es um einen Beitrag zu den Grundlagen der menschlichen Identität und Politik: was ist der Mensch in einer post-digitalen Welt und wie wollen wir künftig zusammenleben?

2. Schule und Hochschule
Der aktuelle Stand der Forschung und die Erfahrung von Expert*innen soll in Fortbildungen, Interventionen, Lehrmitteln und Vorträgen zur Förderung eines öffentlichen Bewusstseins der Konsequenzen des Digitalen Wandels im Hinblick auf spezifische lokale bzw. institutionelle Bedürfnisse erschlossen werden. Im Zentrum stehen Konzepte für Schulen und Pädagogische Hochschulen. Dabei geht es um die Frage: Wie entsteht Digital Literacy und Agency von Lehrpersonen und Schüler*innen in der Praxis?

3. Ästhetik
Die dritte Dimension des Projekts untersucht ästhetisch-performative Elemente dieses Ansatzes, indem das Offene der ästhetischen Erfahrung mit dem Versuch verbunden wird, durch geeignete Interventionsformen exemplarisch und mit künstlerischen Mitteln Public Digital Literacy zu befördern. Durch die Zusammenarbeit mit Künstler*innen oder durch die Konzeption und Durchführung einer Ausstellung werden Aktionsformen gesucht, die ausserhalb von Bildungseinrichtungen eine breitere Öffentlichkeit erreichen können. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt: Wie vollzieht sich Wandel?

Die Bearbeitung dieser Felder knüpft an zahlreiche Projekte der Forschungsstelle Kulturimpuls (1989 – 2019) an, erweitert sie und gibt ihnen eine weitere Perspektive im Sinne gegenwärtiger und zukünftiger Entwicklungsfragen für Individuum und Gesellschaft.

Die Ausarbeitung der Felder wird in Teilprojekten definiert und geplant.

Projektleitung: Robin Schmidt, Basel, www.linefeed.cc